GERTRUD WOKER: IHRE BIOGRAFIE

Ein eigensinniges Kind

Gertrud Woker lernte schon in ihrem Elternhaus, dass Bildung und Wissen die Voraussetzungen für ein selbstbestimmtes Leben sind. Der Vater war angesehener Geschichts- und Theologieprofessor – er legte sich mit dem Papst an und setzte sich sich intensiv mit der französischen Revolution und den Ideen der Aufklärung auseinander. Namhafte Künstler und Gelehrte gingen bei der Familie ein und aus. Gertrud zeigte schon als Kind Widerspruchsgeist.
Sie war ein freiheitsliebendes Kind, das sich lieber draussen mit Würmern beschäftigte, als sich drinnen in schöner Handschrift zu üben. Die Natur war für Woker zeitlebens eine wichtige Inspirations- und Energiequelle. In romantischen Gedichten besang sie die Natur als Ort des Rückzugs und der Harmonie, wo sie während ihren schwersten Zeiten neue Kraft tanken konnte. 

Höhere Ausbildung

Trotz disziplinarischen Problemen schloss sie die die Schule mit besten Noten ab. Ihr Wunsch, eine weiterführende Schule zu besuchen, erfüllte sich aber nicht, da es ihr Vater für sinnvoller hielt, Gertrud zu ihrem Onkel nach Erfurt in eine Hauswirtschaftsschule zu schicken. Doch Gertrud gab ihren Traum nicht auf und lernte heimlich in der Nacht auf die Matura Prüfung. Damit schaffte sie sich die Möglichkeit als eine der ersten Frauen überhaupt an der Universität Bern ein natur-wissenschaftliches Studium aufzunehmen. Ihre Dissertation widmete die angehende Chemikerin ihrem Hasen und schloss jedes Fach mit Summa Cum Laude ab. 1907 wurde sie zur ersten Chemiedozentin im deutschsprachigen Raum ernannt und nach begeisterten Rezensionen ihrer ersten Publikationen wurde ihr 1911 sogar eine Professur in Leipzig angeboten. Die Möglichkeit, erste Professorin Deutschlands zu werden, lehnte sie jedoch ab, da ihr in Bern bessere Arbeitsbedingungen in Aussicht gestellt wurden. Doch diese Versprechen wurden nie eingelöst und Woker musste zeitlebens um einen angemessenen Lohn kämpfen.

Einführung in die Frauenrechts- und Friedensbewegung

Während eines Studienaufenthalts in Berlin kam Woker mit der dortigen Frauenbewegung in Kontakt und begann sich fürs Frauenstimmrecht und für Frauenanliegen an Universitäten einzusetzen. So forderte sie bereits 1917 «Gleicher Lohn für gleiche Arbeit». Mit ihren Forderungen, brachte Gertrud Woker etablierte Kräfte im Berner Wissenschaftsbetrieb gegen sich auf. Nach einem fulminanten Start geriet ihre Karriere ins Stocken. Sämtliche Anträge auf Vergrösserung ihres Labors oder ein angemessenes Salär wurden abgelehnt.
Erschwerend kam hinzu, dass Woker die Naturwissenschaften – entgegen dem Zeitgeist – in einem grossen Zusammenhang sah. Bereits 1911 stellte sie einen Antrag zur Fusionierung von Chemie und Biologie zur Biochemie. Damals wurde das Anliegen ins lächerliche gezogen, heute ist das Fach Biochemie eine Selbstverständlichkeit. Ein Lehrstuhl dafür, wie Woker ihn sich wünschte, wurde an der Universität Bern aber erst 1968 eingeführt. 

 

Kritik an Missbrauch wissenschaftlicher Forschung

Die Konflikte Wokers mit der Uni Leitung verschärften sich, als sie sich während des ersten Weltkriegs gegen den Missbrauch wissenschaftlicher Forschung für militärische Zwecke wandte. Durch ihre Forschung im Bereich Biologie und Chemie, erkannte sie früh die verheerenden Langzeitfolgen des Giftgaskrieges und kritisierte in Büchern und Vorträgen die chemische Kriegsführung. Die Politik übte damals grossen Einfluss auf die Wissenschaft aus. Fritz Haber, der Erfinder der Gaskriegsführung in Deutschland, erhielt kurz nach dem ersten Weltkrieg 1918 den Nobelpreis verliehen. Auch an der Universität Bern wurden Versuche mit Giftgas durchgeführt. 

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Die Pazifistin - Frauenliga in New York.

Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit

Die Erfahrung des Ersten Weltkriegs machten Woker zu einer engagierten Pazifistin. 1915, am internationalen Frauenfriedenskongress in Den Haag wurde die Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit gegründet, der unter anderem die späteren Nobelpreisträgerinnen Jane Addams (1931) und Emily Greene Balch (1946) angehörten. Auch Gertrud Woker schloss sich der Bewegung an und wurde zu einem führenden Mitglied. In den 20er Jahren bereiste sie mit einer Gruppe Aktivistinnen ganz Amerika um Vorträge zu halten und über die Gefahren der chemischen Kriegsführung aufzuklären. Sie und ihre Freundinnen waren überzeugt, dass Aufklärung über die Folgen eines kommenden Krieges die Voraussetzungen dafür waren, die Völker zur friedlichen Verständigung zu bewegen. Die Vorträge stiessen auf grosses Interesse und weckten damit auch die Aufmerksamkeit militaristisch und nationalistisch gesinnter Kreise, deren Vertreter alles daran setzten, die Integrität dieser Vorträge zu mindern: «Eine Frauengruppe bereist zurzeit das Land, um ihre Nervenspannung abzubauen. Ihre offensichtliche überreizte seelische Verfassung, lässt sie als Geisteskranke klassifizieren».

 

 

 

 

 

Forschungsarbeit in den USA

«Wir haben es dem Gegner nicht erlaubt uns einzuschüchtern», hielt Gertrud Woker fest und reiste ein Jahr später, 1925, erneut in die USA, um im Physiatric Institute in Morristown zu arbeiten und ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse zu vertiefen. Doch dort sah sich Woker mit einer militaristisch und nationalistisch gesinnten Belegschaft konfrontiert, die der bekennenden Pazifistin keine Chance gaben. Sie wurde Opfer von Mobbing, sexistischen Angriffen und Denunziationen. Woker deutete die Angriffe als Reaktion auf ihr international erfolgreiches Buch gegen den Giftgaskrieg. Von Verfolgungsängsten geplagt kehrte Woker zurück zu ihrer Familie in der Schweiz, um sich zu erholen und neue Kraft zu schöpfen.

 

Observation durch Nachrichtendienst

Auch in der Schweiz wurde Pazifismus während des Zweiten Weltkriegs und vor allem im Kalten Krieg vom Nachrichtendienst observiert und erhielt auch als 80-jährige noch Einträge. Wer sich kritisch zu Militär und Aufrüstung äusserte stand unter Generalverdacht. Sie liess sich aber nie davon abhalten mit Frauen dies- und jenseits ideologischer Gräben für den Frieden zu kämpfen. Den Folgen war sie sich durchaus bewusst: «Ich habe die ernste Mahnung, dass ich mir meine Karriere verderben werde, gerne und freudig in den Wind geschlagen, in der Meinung, dass der Kampf um eine gute Sache mehr Wert ist als ungezählte Karrieren.»

Ansehen in Kreisen der Frauen- und FriedensaktivistInnen

Von der Politik als Gefahr für die Wehrhaftigkeit des Landes angesehen, wurde sie andererseits von vielen Frauen international geachtet und verehrt. Ihr Buch über den Giftgaskrieg erreichte 9. Auflagen. Sie selber erhielt unzählige Anfragen für Vorträge in ganz Europa, um ihr Wissen weiterzugeben. Sie war auch Rednerin an einem Kongress des Völkerbundes (Vorgängerin der UNO). Dort trat sie als Vertreterin der Frauenliga auf.

Zu Lebzeiten war sie international bekannt. Sie starb schliesslich mit fast 90 Jahren in einer psychiatrischen Klinik in Préfargier – doch der Grund der Einlieferung bleibt verborgen, denn eine Krankenakte wurde der historischen Forschung bis heute nicht zugänglich gemacht. Gertrud Woker selbst schrieb, dass sie im Geiste und ihren Idealen nie gebrochen wurde und die Versuche, sie zum Schweigen zu bringen, stets erfolglos blieben.

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